Memoratorium #3 -oder wie ich vor zwei Wochen ohne Haut erwachte

Ich habe meine Haut verloren

Ich weiß nicht wann es passiert ist, aber seit zwei Wochen ist sie weg.
Vielleicht unter der Dusche abgewaschen. Oder beim Aufstehen im Laken hängen geblieben. Oder sie hat sich mit den Molekülen der Luft in meiner Wohnung gemischt und hängt jetzt dort.
Hängt fest in der Schwebe.

Das Seltsame dabei ist, dass ich sie immer noch sehen kann. Obwohl sie doch weg ist. Berge über Knochen, ein Tal im Knie, Tinte auf der Hüfte.

Das Gefühl ist nicht neu. In den Wochen, an die ich mich nicht mehr erinnern kann, verschwindet sie auch oft. Wenn jeder Termin eine Stunde Vorbereitungszeit braucht, bei der Vorstellung so ungeschützt durch die Tür zu treten.

Wenn ich sie anfasse ist sie eindeutig da, warm, gestreckt, weicher geworden über die letzten Wochen.
Aber trotzdem, das Gefühl bleibt. Das Gefühl, dass es keine Grenze mehr gibt zwischen mir und der Welt.

Es gibt Dinge, die bisher immer geholfen haben:
1. Sich unter schweren Decken eingraben.
Etwas an der Wärme und dem Gewicht auf meinem Körper erinnert mich daran, dass er da ist. (Vielleicht ist sie ja wirklich im Lacken hängen geblieben).
2. Make Up.
Langer Lidschatten wie der schwarze Rand eines Schmetterlingsflügels und rote Lippen lenken alle ab. Und Ablenkung heißt Sicherheit.
3. Sonne.
Das habe ich als Jugendliche oft gemacht. Das Allgäu wird nicht so heiß wie der Süden Italiens, aber im Sommer reicht es gerade aus. Und nach dem Schwimmen im Gras in der Sonne liegen. Liegen bis das Wasser von der Haut verdampft ist hat immer dabei geholfen sie wieder zu finden.

(Habe ich dir eigentlich einmal erzählt, dass mein Vater früher immer den Spruch brachte, dass nur langweiligen Leuten langweilig wird? Mir ist aufgefallen, dass mir viel zu lange nicht mehr langweilig war, weil ich mich viel zu leicht ablenken lasse. Aber in der Sonne liegend kann ich mich bis heute ganz wunderbar langweilen.)

Bisher ist es für den Schritt mit der Sonne noch zu kalt, aber gerade fühle ich mich gehäutet ganz wohl. Nein, sicher fühlt es sich nicht an. Aber wieso ich eigentlich noch glaube, dass es ein „sicher“ geben kann wird mir immer unverständlicher.

Es gibt übrigens auch einen Weg seine Haut zu verlieren. Für die Zukunft, die Zeiten, in denen sie wieder da ist und sich eng und innen klebrig anfühlt. Man braucht Musik, aber solche mit einem guten Bass. Denn der Bass macht die ganze Arbeit. Dann macht man die Musik erst laut und dann nochmal lauter. Bis der Bass von außen durch deine Haut reinkommt, sie aufreißt, auflöst und sich dann zwischen deinen Rippen einrollt und nach draußen vibriert.

-Marion

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