Memoratorium #2

Mit Proust verbinde ich zwei Erinnerungen. Die Erste ist aus dem Sommer zweitausendelf, ein besonders schwerer Sommer, mir ging es beschissen und ich konnte nicht schlafen, also las ich. In meinem Zimmer wurden von meinem Vater die Bücher gestapelt, die im Wohnzimmer keinen Platz mehr fanden, darunter eine Reihe von Prosaklassikern des zwanzigsten Jahrhunderts. Der erste Band der RECHERCHE war natürlich dabei. Ich wusste bis dahin von Prous nut, dass man ihn gelesen haben muss, also nahm ich das Buch mit nach Neapel, als meine Familie und ich, wie in jedem Sommer, dahinfuhren.

In Neapel langweilte ich mich. Mit Proust langweilte ich mich gleich doppelt. Die Zeit streckte sich unentwegt, sie war nicht verloren, sie war tot, und selbst als Leiche wurde sie noch gefoltert. Sommerlangeweile ist ein nördlicher Luxus, ein bürgerlicher Genuss, die Hitze ist ein angenehmes Gesprächsthema, wenn man beisammen im Garten sitzt und Weißwein trinkt. Im Süden ist es anders. Es wird nicht über Hitze gesprochen, das wäre so als würde man einen Gesprächspartner mit der dritten Person ansprechen. Über die Hitze wird nicht gesprochen, weil sie da ist. Immer. Überall. Die Gedanken zerfließen, werden ausgeschwitzt, der Körper stellt sich auf Überlebensinstinkte um, er wankt von Schatten zu Schatten zum Kühlschrank auf der Suche nach einer temporären Kühlung. So verbrachte ich die Zeit in Neapel. Ich lag auf der Couch im Wohnzimmer meiner Tante, die Tür zum Garten war offen, vergeblich, draußen wie innen war die Luft gleich stickig, es war Nachmittag, aber es hätte auch Vormittag sein können, an einem beliebigen Wochentag, obwohl es in meiner Empfindung Sonntag war, Sonntage sind grau, selbst wenn die Sonne scheint. Ich las Proust. Mein Onkel ging an mit vorbei auf dem Weg zur Küche, blieb kurz stehen, er trug kurze Badehosen und ein weißes Polohemd, seine kurzen, grauen Haaren waren nass, sein Büro war ja im Dachboden. Er fragte, was ich lese. Ich antwortete Proust. Langweilig. Aber ich bin gleich fertig. Er kommentierte nicht meine Äußerung, ging weiter zur Küche, ich las und langweilte mich weiter. Es lag wahrscheinlich an meinem Gemütszustand, vielleicht an der Übersetzung, ich fand aber im Buch nichts Interessantes. Es war nur langweilig, nichts mehr. Ich las aus Pflicht, um dann sagen zu können, ich hätte es gelesen. Oder weil ich mich sowieso langweilte.

Im selben Sommer las ich auch Kerouacs ON THE ROAD, ebenfalls in italienischer Übersetzung, mich ebenfalls schrecklich langweilend, doch nicht mehr in Neapel, sondern in Budapest, auch dort war es unerträglich heiß, ich lag auf der Couch im Wohnzimmer meiner Oma, las Kerouac und so weiter und so fort, die zwei Erinnerungsbilder sind beinahe identisch, nur mein Onkel war nicht dabei. Zum Ende des Sommers hin ließ ich die großen Klassiker liegen und widmete mich der osteuropäischen Literatur, las Hrabal und Esterházy und SCHULE AN DER GRENZE zum ersten Mal, um fünf Uhr früh, als das Himmelsstück, das ich aus meinem Bett aus sehen konnte, begann heller zu werden, schlief ich ein, um fünf Uhr nachmittags ging ich zur Kneipe und trank Bier und bezahlte nicht, Roberto drückte gerne beide Augen zu und griff nach meinem Hintern im Vorbeigehen.

Wenn ich weiterhin Klassiker gelesen hätte, dann wäre ich ein anderer Mensch und wahrscheinlich auch ein anderer Künstler geworden. Ich wählte die Nische aus, die Ränder, oder besser, die Nische, die Ränder wählten mich. Ich bin davon überzeugt, dass in dem Sommer sehr viel über mich endgültig entschieden wurde, wobei ich am Entscheidungsprozess nicht wirklich teilnahm, ich las eher und trank Bier. Ich zog dann nach München und hatte wegen des Bürojobs und der Einsamkeit wieder viel Ziet, um zu lesen und auch um Filme zu sehen, was ich bis dahin eher selten tat. So stieß ich wieder auf ON THE ROAD, die Verfilmung mit Kirsten Stewart, worin auch die Orgininalvertonung von Kerouacs Lied verwendet wird, die ich von Tom Waits kannte, CROSS THE MISSISSIPPI CROSS THE TENNESSEE CROSS THE NIAGARA HOME I’LL NEVER BE. Ich war vom Film übertrieben begeistert. Ich könnte nicht sagen, ob der Film wirklich gut ist oder nicht, ich war nicht imstande ästhetische Urteile zu fällen, ich war vom Inhalt des Films berührt, weil das Beat-Leben genau das Gegenteil meines einsamen Bürolebens darstellte. Also las ich wieder das Buch, diesmal auf Englisch, in der zerknitterten Penguin-Ausgabe, die mir meine Theaterlehrerin in der Schule geschenkt hatte nach der letzten Aufführung von AS YOU LIKE IT, ich spielte Jacques und stieg von der Bühne in den Zuschauerraum während des ALL THE WORLD’S A STAGE-Monologs, ohne vorher Bescheid zu sagen, die Lehrerin bemerkte es nicht mal, sie war hinter einer Plane, wir spielten auf einer Freilutfbühne im Hof meiner Schule, ich drehte mich zu ihr nach der Szene, fragte stumm, wie es gewesen sei, sie antwortete, ebenfalls stumm, ganz gut, am Nachmittag wurde ihr dann von den Kollegen erzählt, was passiert war und sie schenkte mir das Buch, das ich mir von meinem Vater mitbringen ließ, als meine Familie mich in München zum ersten Mal, im November zweitausendzwölf, besuchen kam. Das Buch begeisterte mich mehr als der Film. Ich unterstrich mit Bleistift die Sätze, Absätze, manchmal ganze Kapitel, die ich mit kindlicher Freude rauschhaft zerfraß. Ich vibrierte mit den Worten zusammen. Ich kenne übrigens keine bessere Musikbeschreibung als die Passage im vierten Kapitel des dritten Teils, NOW MAN THAT ALTO MAN LAST NIGHT HAD „IT“.

Ich las ON THE ROAD noch einmal, im Sommer zweitausenddreizehn, ich lag verkatert in einer Hängematte irgendeines Ferienhauses in Portugal ohne Strom, alleine, die anderen waren am Seen, den ich nicht zu erreichen wusste und alles war vorbei, die literarischen Illusionen, die Träume, die die Novemberlektüre erweckte hatte und noch antikere Träume, diejenigen, die mich nach Deutschland brachten und die ich aus Italien mitgebracht hatte, ich war enttäuscht vom ersten Jahr in München und befallen von der bestimmten Art von Trauer, die sich von schönen Abenden und ernstgemeinten Lächeln nicht vertreiben lässt, die dem Körper gehört wie die dritte Rippe von oben link, ich blickte in die malerische Landschaft und schwitzte, ich erkannte die südliche Hitze wieder, zu meinen Füßen nur Ruinen und die Reste meines Kopfwehs. Ich las gerade die letzten Sieten, A BATTERED BOOK ON THE RADIO I KNEW IT WAS DEAN’S HIGH-ETERNITY-IN-THE-AFTERNOON PROUST, und blieb daran hängen, vielleicht weil die Szene auch im FIlm vorkommt, ich hatte sie sogleich als Bild vor mir, Endszenenmusik und SWANN’S WAY. Wenige Wochen später kaufte ich mir das Buch, diesmal auf Englisch. Lange ließ ich es unberührt, aber als ich Alena ON THE ROAD auslieh im Juni zweitausendfünfzehn brachte ich aus REflex SWANN’S WAY mit nach meiner zweiten Reise nach Portugal, ich wolle eine Art Verbindung zwischen uns aufrechterhalten, wenn wir schon nicht miteinander sprechen konnten, dachte, sie würde sofort anfangen zu lesen, was sie natürlich nicht tat. Ich schrieb wieder, frustriert wie ich war von ihrer Abwesenheit, obwohl sie eigentlich meine Abwesenheit war, ich war ja weggefahren. Alles, was ich in Portugal geschrieben hatte, Zetteln mit Liebesbekundungen, Versen, Eindrücke und mythologische Vergleiche, schickte ich ihr als einer Art Abschiedsbrief nach der ersten Trennung, die zwei Wochen nach meienr Rückkehr erfolgte, zu. Ich hatte nicht genug Porto bezahlt, Alena musste also zur Post gehen und nachzahlen, das tat sie ironischerweise am Tag nachdem wir wieder zusammenkamen. Meine Ausgabe von ON THE ROAD holte ich selbstverständlich schon davor ab, das war das erste und letzte Mal, dass ich ihr ein Buch auslieh. Im Flug von Porto nach München, hier findet meine zweite Erinnerung stat, las ich also Proust und unterstrich mit Bleistift die Passagen, die mir breites Lächeln und leichtes Herzpochen verursachten, ich war in der fieberhaften Lektüre verfallen, in der jedes Wort auf mich hinwies, ich war gemeint, Alena war gemeint, meine Liebe zu ihr, während ich mich ihr weiter näherte, ASSOCIATING THE THOUGHT OF ODETTE WITH HIS DREAMS OF HAPPINESS, es gab wieder Träume, wieder die Hoffnung auf eine endgültige Erlösund und das war sie, ALENAODETTE. Und da verstand ich endlich Proust, in dem Moment, wo ich, was er schrieb, schon wusste.

Jetzt ist es wieder Sonntag, obwohl es Freitag ist, ON THE ROAD und SWANN’S WAY liegen nebeneinander auf dem Regal und ich kann Proust nicht lesen, ohne meine eigene Geschichte zu lesen. Das wäre wiederum langweilig.

  • Danijel

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