Eric Garner

Die Straßen sind leer, die Straßen sind still,

In mir ist ein Held, der jeden Tag stirbt, angekettet

Am Felsen meiner löchrigen Leber, in mir

Wird der Messias gekreuzigt mit jedem Wort,

Das verschwiegen wird, mit jedem Blick

Auf die zerbombten Landschaft vor dem Golgota

THERE WILL BE NO PICTURE OF PIGS

SHOOTING DOWN BROTHERS IN THE

INSTANT REPLAY Bilder sind nichts mehr,

Nur leuchtende Punkte auf Bildschirme,

Zufällig zusammengewürfelt vom Schrecken

Der Gegenwart, die Vorstellungen des Urknalls,

Der die Welt zurücksetzt auf die Zeit vor Himmel

Und Hölle, verkümmern in Kellern, Regalen, oder

Hinter Brillen zum Schutz von gebleichten Augen,

Augen zu müde, um das Neue in sich zu tragen,

Vorstellungen einer Revolution, sie jetzt auszusprechen

Lässt nichts heben außer Augenbrauen, Revolution,

Die zweite Geburt der Menschheit, erwartet und

Beschworen, seitdem auf Stein und Papier Geschichte

Gekritzelt wird, Aufstehen, Aufstand, Auferstehung,

Die Dreieinigkeit des letzten Schrittes des Fortschrittes,

Die Erlösung, Sieg der Theologie über die Religion,

Doch Gott wurde vom Richterstuhl abgesetzt und

Rennt durch die Gänge des Jenseits mit Papierkram

In den Händen, Tod eines Bürokraten, mein Staub

Wird meine Arbeit fortsetzen, meine Unterschriften

Werden weiterhin verweigern, das Jüngste Gericht

Wird vertagt, die Menschheit hat zu gute Anwälte,

Die Auferstehung bleibt aus, tot bleibt tot, vergessen,

Die Vergangenheit wird eingemauert hinter

Öffnungszeiten und Eintrittskarten, der Aufstand

Bleibt aus, er kann nicht einzig auf die Gegenwart

Fußen, selbst das Aufstehen wird zunehmend schwerer,

Die Gegenwart ist ein Sumpf aus Pixel, leuchtend

Auf schwarzen Spiegeln, bedeutend nichts

THERE WILL BE NO PICTURE OF PIGS

SHOOTING DOWN BROTHERS IN THE

INSTANT REPLAY Schlaf der Geschichtsschreiber,

Langeweile vor dem ewigen Widerkehr, Philosophie

Ist glücksbedingt, gedämmte Fenster, Regen draußen,

Liebeskummer, es braucht Schamlosigkeit

Um normal zu sein in dieser Zeit ohne Geist.

GET AWAY der Tod von Eric Garner Mitte Juli zweitausendvierzehn trifft auf dem blinden Fleck meines linken Auges, unmöglich, meine Unverständlichkeit des Vorfalls zu schildern, die Wiederholung der Bilder in der Gebetsmühle des Internets, Zeitungsausschnitte, Zahlen, die Maschine hat hunger, sie ernährt sich von Leichen, es braucht einen Opfer, um eine gute Geschichte zu schreiben, Nachrichten müssen produziert werden, die Stille ist die einzig angemessene Reaktion und gleichzeitig ist sie unmöglich EVERY TIME YOU SEE ME YOU WANT TO MESS WITH ME der Ewige Wiederkehr, Masturbation einer Dynastie von Philosophen, ihr gescheitertes Nachkommen klebt an den gedämmten Fenstern eines Theaters in Dänemark, fern von den Kämpfen in den Straßen des Landes, das Amerika heißt, im goldenen Zeitalter des Selbstbetrugs, wo soll ich noch suchen nach Wahrheit, die Sonne scheint auf Werbeplakate und Müllbeutel zugleich, mein Unwillen, diesen Text zu schreiben, ist keine Faulheit, sondern Unverständnis, wie verläuft der Kampf der Klassen und der Rassen, während mein Laptop stirbt, ja, solche Sorgen treiben mein schamloses Leben an I’M TIRED OF IT die sozialen Umstände eines Landes, das sich hartnäckig als zivilisiert präsentiert, die Ungleichheit, die meine Hände lähmt, während sie aus Lehm und Mist versuchen, den neuen Menschen zu erschaffen, seit dem Selbstmord der Götter ist diese Aufgabe mit Gelb hervorgehoben auf unseren virtuellen To-Do-Listen, mein müder Kopf ist der Krankheit noch zu nah, fürchte ich IT STOPS TODAY die Gerechtigkeit ist bekanntlich blind, ihre Wage ist verloren gegangen nach einem versoffenen Abend mit offener Rechnung, Garners Familie bekam fünf Komma neun Millionen Euro Entschädigung, der Tod ist ein unschlagbarer Deal, Schuld kann abbezahlt werden, das heißt, wir treiben zweifelsfrei Richtung Mittelalter, Kirchen werden durch Verwaltungsbüros ersetzt, ich warte sehnsüchtig auf die Pest EVERYONE STANDING HERE WILL TELL YOU I DIDN’T DO NOTHING Unschuld ist altmodisch, der Gewaltmonopol des Staates ist eine dilettantenhafte Inszenierung, die die Dramaturgen fluchtartig verlassen haben am Tag der Premiere, soll ich Autogramme auf die Gräber der Ertrunkenen im Mittelmeer schreiben, jeder ist Künstler, ich verabscheue mein schlaffes Gesicht, das bedeutungsvoll in die Kamera schaut, ich verabscheue jedes Wort, das ich schreibe, nur deswegen habe ich die Kraft, weiterzuschreiben BECAUSE EVERY TIME YOU SEE ME YOU WANT TO HARASS ME suche ich nach der Wahrheit oder bloß nach einer Steckdose, ich verstehe Amerika nicht, wie können Fernsehstudios so glänzen, wie kann Werbung noch ernst genommen werden, wie hält sich der Amerikanische Traum am Leben, vollgefressen mit Burger und Pommes und Tacos und Steaks, ohne den Trost eines trinkbaren Bieres, wann werden die Augen müde, auf Postkarten zu schauen, wann beginnt die Sonne auf dem Foto zu brennen, wann werden die Masken abgelegt zu den ersten Noten des neuen Totentanzes, meine Sätze sind der Wirklichkeit ein paar Minuten voraus, immer I’M MINDING MY BUSINESS ich sehe einen Mann sterben auf offener Straße tausendmal, bis meine Tränen sich in Salz verwandeln, dann schreibe ich über Salz und Tränen und Straße, verhasstes Automatismus einer Maschine mit Kopfweh, ich werde schrumpfen, bis ich in einer Blechdose passe, auf der Müllhalde werde ich auf die Auferstehung warten oder auf meinem Verfallsdatum, der Mann ist immer noch tot, gleich, wie viel ich schreibe, der Fluch des Geschichtsschreibers, das Bewusstsein der Zufälligkeit eines Todes, ich vergleiche die Zahl Eins mit der Zahl Eins bis ich eine neue Mathematik erschaffe I’M MINDING MY BUSINESS PLEASE JUST LEAVE ME ALONE was passiert ist, ein Mann wurde ermordet auf offener Straße von einer Gruppe Polizisten, weil er müde war, sich einem Gesetz zu beugen, das nirgendswo geschrieben steht, nein, weil er sein Recht aufs Leben kannte, deshalb musste er sterben, nein, weil er das Verbrechen begangen hatte, unschuldig zu sein, nein nein nein, der Mann ist gestorben, weil die Polizisten ihn ermordet haben, es gibt keine andere Erklärung, keine Wahrheit, keine Erkenntnis I TOLD YOU THE LAST TIME PLEASE JUST LEAVE ME ALONE es gibt nur Willkür, Zufall, seine Schuld war einzig und alleine, geboren zu werden, Erbsünde, wieder stößt mein Kopf an den niedrigen Bogen der Religion, ich betrachte den Vorfall aus einer anderen Perspektive, die Meinige nämlich, und sehe die Verstrickungen des Gesetzes mit der Angst des Menschen, welche Angst überhaupt, selbst das Politische scheint sinnlos, es bleibt versteckt, die Fußnote einer Fußnote, kein Schrei, kein offener Hass, Automatismus, eine kopflose Maschine, ein Arm, ein Hals, Würgegriff, die Gesichter verschwinden PLEASE Nur Garners Gesicht bleibt scharf, das einzig noch eine Ähnlichkeit mit einem Menschen aufweist, auf dem Boden gelegt neben der Türschwelle des Ladens, wovor er stand, als er von den Polizeikräften umzingelt wurde PLEASE DON’T TOUCH ME die Krokusse blühen, verhasstes Frühling, hüte mich vor der Schönheit der Welt, die sich in meinen Augen einbrennen will, der blinde Fleck, Dänemark, es waren einmal zwei Brüder, Wind und Atem, der Eine wollte die Welt erkunden, die Wolken weitertreiben, Stürme und Schnee und Regen auf seinen Schultern tragen durch die entlegensten Länder und Ozeane, der Andere liebte das Kleine, das Menschliche, die Nähe, verschlungene Körper, winzige Explosionen im Takt eines Herzschlags, die Stille, die entsteht, wenn Blicke sich treffen, als die zwei Brüder sich trennten am Kreuzweg des Daseins beschloss Wind, ein Teil seiner Kraft dem Brüder zu geben, im Gegenzug versprach Atem, den Teil zurückzugeben, wenn der Mensch ihn nicht mehr brauchen konnte, so war es, so ist es immer noch DO NOT TOUCH ME die Feigheit der Märchen ist der Mut der Abstraktion, Vergnügen für gelangweilten Tiere, eine meiner zehntausend Seelen begegnet Selbstmord in diesem Augenblick, wie viel ist Unendlichkeit minus Eins, die Logik der Welt funktioniert nur auf Papier, also lege ich Blätter um mich herum, um meine Schritte zu verstehen I CAN’T BREATHE es beginnt, was kein Ende hat, wenn die Unterdrückung abgeschafft wird, denn sie wird abgeschafft, werden die Wunden bleiben, ich kann die Vergangenheit einrahmen und hinter Glas verschließen aber die Träume werden mich trotzdem zerfleischen, eine Straße gepflastert mit gesenkten Blicken, darauf schieben die Menschen ihre Träume bis zum Abgrund aus Geldschulden, die Träume fallen, die nächste Generation klebt die Fetzen wieder zusammen und schiebt weiter I CAN’T BREATHE alle zusammen gegeneinander, alle im selben Boot, versammelt um das letzte Stück Kuchen, das lustlos gefressen wird von einem Zuckerkranken, während das Wasser steigt und das Boot sinkt und es regnet noch dazu I CAN’T BREATHE Dokumentation meines Scheiterns, ich fasse es nicht, nicht mit dem Verstand, nicht mit dem Gefühl, das einzig Wahre, was ich produzieren konnte, waren zwei Tränen, die Erste ist auf einem Bett in München gefallen, die Zweite auf dem Boden des Bahnhofs in Odense, doch selbst die Tränen sind nutzlos, sinnlos, nur Wasser ohne Meer, ohne Fluss, ohne Geschichte, auf Ewig getrennt von der Einheit, wie kann der Mensch noch gut bleiben nach Jahrhunderte der Sklaverei, die Moral wurde abgeschafft und jetzt müssen wir mit der Leere auskommen, in dieser Leere gehören meine zwei Tränen I CAN’T BREATHE eine wunderschöner Tag um zu sterben, die Apokalypse wurde schon wieder um eine Woche verschoben, es gibt Kriege, von denen wir nichts wissen, ich hoffe, Gott existiert, ich brauche jemand, der mich erklärt, was ich alles falsch mache I CAN’T BREATHE jedes Wort eine neue Niederlage vor der Realität I CAN’T BREATHE ich kann nicht mehr, die dritte Träne wird nun geboren und stirbt nach dem ersten Blinzeln, ertrunken im schwachen Kaffee I CAN’T BREATHE bringt mich weg von Dänemark, weg von Europa, weg von dieser unheimliche Schönheit I CAN’T BREATHE wir kämpfen ein Leben lang nur für unseren Platz neben den Toten I CAN’T BREATHE

Und nichts, nichts, nichts mehr enthält eine Spur von

Sinn.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s